Reif für die Einschulung?
„Nächstes Jahr komme ich in die Schule"
Viele Eltern stellen sich die Frage, ob ihr Kind wirklich die nötige Reife hat, um den schulischen Anforderungen gewachsen zu sein. Nicht alle Sechsjährigen sind gleich weit entwickelt und es wird genau geprüft, ob sie schulreif sind. Was aber genau bedeutet „schulreif"?
Früher hieß es: „Wer mit dem rechten Arm um den Kopf herum bis zum linken Ohr langen kann, ist schulreif." „Wer auf einem Bein hüpfen kann, ist schulreif." „Wer rückwärts gehen kann, ohne sich dabei umzudrehen, ist schulreif." Doch Schulreife beinhaltet viel mehr als das:
- Körperliche Schulreife:Zur Schule gehen ist anstrengender als der Besuch des Kindergartens. Kinder müssen in der Schule länger still sitzen, können sich zwischendurch wenig ausruhen und sollen aufmerksam zuhören.
- Willensmäßige Schulreife: Das Kind hat den Wunsch, lernen zu wollen, dem Unterricht lernbereit zu folgen und altersgerechte Schulaufgaben erledigen zu können.
Auch die soziale Reife beachten!
Manche Eltern bekommen von den Erzieherinnen aus dem Kindergarten den Rat, mit der Einschulung des Kindes noch zu warten. Ihr Kind sei zwar pfiffig und schlau, doch es fehle ihm an sozialer Reife. Was steckt dahinter?
Nicht nur körperliche Reife und intellektuelle Fähigkeiten sind bei der Einschulung wichtig, sondern ebenso soziales und emotionales Verhalten. Hierzu gehören verschiedene Aspekte:
- Das Kind kann Kontakt zu Gleichaltrigen aufnehmen und hat den Mut, sich in der Gruppe zu äußern. Das Kind sollte in der Lage sein, sich in die Klassengemeinschaft einzufügen, Regeln einzuhalten und Konflikte auszuhalten. Wenn ein Kind bereits gelernt hat, sich in einer Gruppe von Kindern selbstbewusst und angstfrei zu bewegen, wird es all diese neuen Anforderungen erfüllen.
- Wenn der Lehrer zur ganzen Klasse spricht, muss sich das Kind angesprochen fühlen. Anweisungen und Beschäftigungsangebote muss es akzeptieren können. Das Kind muss in der Lage sein, sich anleiten zu lassen.
- Kinder möchten ihre spontanen Wünsche gern sofort verwirklicht sehen. In der Schule werden jedoch hohe Ansprüche an die kindliche Bereitschaft gestellt, eigene Wünsche zurückzustellen. Die meisten haben mit sechs Jahren schon begriffen, dass sie nicht immer und zu jeder Zeit alles tun können, wonach ihnen momentan ist.
Es gibt Schulen, die offene Schul- und Unterrichtsformen bevorzugen und versuchen, den Übergang vom Spielen zum Lernen fließend zu gestalten. Im Großen und Ganzen aber ist der Schulvormittag geprägt von festen Regeln, die von allen eingehalten werden sollen.
Selbstständigkeit ist gefragt!
So sehr sich manche Kinder auch wünschen, in die Schule zu kommen – der Alltag kann ziemlich ernüchternd sein. Vieles von dem, was bisher die Eltern erledigt haben, müssen sie nun allein bewältigen. Sie müssen sich zum Beispiel darum kümmern, welche Bücher und Hefte sie am nächsten Tag brauchen, ob der Turnbeutel gepackt werden muss und welche Hausaufgaben sie erledigen müssen.
Lehrer werden für Kinder zu wichtigen Bezugspersonen – die Schüler müssen mit ihnen klarkommen, sie freuen sich über ein dickes Lob oder weinen bei einem Tadel. Lehrer beurteilen und messen Kinder an ihren Leistungen, sie können gerecht oder ungerecht sein. Das auszuhalten und Konflikte auszutragen, ohne den Schutz des Elternhauses in der Nähe zu haben, gehört zu den Fähigkeiten, die Kinder in den ersten Schuljahren lernen müssen.
Die schulärztliche Untersuchung
Die Schulfähigkeit wird von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich festgestellt. Meistens werden im Rahmen einer schulärztlichen Untersuchung bestimmte Fähigkeiten geprüft.
Kann ein Kind Gegenstände in Abbildungen benennen? Hat es ein Verständnis für den Zahlenraum 1 bis 10? Kann es altersgemäß malen und sich Reihenfolgen merken? In einigen Bundesländern gibt auch die Erzieherin aus dem Kindergarten eine Empfehlung über die Schulfähigkeit des Kindes ab. Das ist vorteilhaft – denn sie konnte seine Entwicklung über einen längeren Zeitraum mitverfolgen.
Die Regelungen der Bundesländer zur Einschulung
Wann ein Kind schulpflichtig wird, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.
Der Stichtag wird nach und nach immer weiter nach vorne verlegt. Auch die flexible Eingangsphase, das heißt, dass Grundschulen die erste und zweite Klasse als pädagogische Einheit führen können, ist bereits in vielen Bundesländern Standard.
Die Erfahrung zeigt, dass ältere Kinder die alltäglichen Schulanforderungen besser bewältigen als jüngere. Es gibt allerdings immer wieder Ausnahmen und damit die Möglichkeit, Kinder auf Antrag vorzeitig einschulen zu lassen.
Was aber tun, wenn ein Kind stark von den Anforderungen abweicht, im Vergleich zu den anderen Kindern eher klein ist oder ausgesprochen sensibel ist? Dann ist in Absprache mit den Pädagogen eine Zurückstellung möglich. Kinder holen meist das auf, woran es ihnen jetzt noch fehlt. In diesem einen Jahr können Eltern und Kinder die Verlängerung der Kindheit genießen und sich Zeit für eine altersgemäße Entwicklung geben. Schließlich sind aus vielen Spätzündern Senkrechtstarter geworden!



